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Von unerfüllbaren Träumen – oder: Weshalb Traumagenesung auch immer Trauerarbeit ist

Ich schreibe gerade an meinem ersten Buch.

Über Monate bin ich mit der Idee dazu herumgelaufen. Habe sie getragen, gewogen, beschützt vor zu frühen Blicken anderer. Seit Monaten webe ich einen roten Faden, verwebe Mythen und Märchen mit meinen Erfahrungen und allem, was ich bislang über die Genesung von Entwicklungstrauma gelernt habe. Ich schreibe an ersten Kapiteln.

Und vor etwa zwei Wochen habe ich es dann bemerkt. Es war, als würde ich den Blick vom Horizont auf den Boden unter meinen Füßen senken und mich auf einmal auf einem Weg wiederfinden, von dem ich gedacht habe, ich müsste ihn mit meiner Stimme erschaffen. Mit meiner Gliederung, meiner Geschichtenauswahl, meinem Schreiben.

Vor kurzem habe ich eine allerletzte Geschichte hinzugefügt: Vassilissa die Schöne. Ein altes russisches Märchen, in dem es um Mut, Intuition und die Begegnung mit Baba Yaga geht. Baba Yaga ist wohl eine der bekanntesten Vertreterinnen des Hexen-Archetyps. Sie ist die Hüterin des Waldes und die Bewahrerin der Grenzen von Leben und Tod.

Sie macht es niemandem leicht, sie aufzuspüren; verwischt ihre Spuren gründlich. Selbst ihr Haus dreht Baba Yaga’s lebendigen Besucher:innen so lange den Rücken zu, bis diese die magischen Worte sprechen. Erst dann erhebt es sich auf seinen Hühnerbeinen, dreht sich einmal um seine eigene Achse, um sich dann mit Vordertür und Fenstern den Bittsteller:innen zugewandt wieder hinzusetzen.

Wer freiwillig zu Baba Yaga geht, der braucht etwas von ihr. Üblicherweise etwas Lebenswichtiges. So wie Vassilissa, die gekommen ist, um Feuer für den Herd in ihrem neuen Heim zu erbitten.

Für mich ist Baba Yaga der Prototyp der souveränen Frau in ihrer ganzen Kraft. Und die einzig wahre Ansprechpartnerin in Fragen des Lebens, eben weil sie sich mit Enden, Abschieden und Übergängen auskennt.

Man sagt, sie sei so groß, dass sie jeden Winkel ihres berühmten Hauses auf Hühnerbeinen ausfüllt. Man sagt auch, dass sie auf dem Ofen schlafen würde, wo es schön warm ist, und unter dem die Knochen ihrer Vorfahren begraben seien.

Nachdem ich das Ende, die Begegnung mit Baba Yaga, klar hatte, kam mir eine kleine Episode ganz am Anfang der ersten Geschichte in meinem Buch in den Sinn.

Es ist nur ein kurzer Moment in einer sehr komplexen Geschichte, leicht zu übersehen, wenn man, wie ich, bereits die ganze Reise vor Augen hat.

Es ist ein kurzer Moment der tiefen Trauer, in dem die Protagonistin dieser ersten Geschichte weint.

Sie weint, weil sie verraten wurde, betrogen um eine Zukunft, die gerade noch vor ihr lag.

Sie weint, weil sie, ohne es selbst verschuldet zu haben, so tief verletzt wurde, dass ihre Wunde unheilbar zu sein scheint.

Sie weint, weil sie anerkennt, was sie verloren hat.


Das griechische Wort Trauma bedeutet Wunde, Verletzung. Und wenn wir über Traumata nachdenken, dann denken wir oft automatisch über Schocktraumata nach. Also über einmalige, einschneidende Erlebnisse, die unser Leben in ein Davor und ein Danach einteilen.

Und wenn wir über Trauer nachdenken, dann denken wir an ein Ende von etwas. Einen Abschied, einen Verlust, die Abwesenheit von jemandem oder etwas.

Im Fall von Entwicklungstrauma, dem Thema meines Buches, gehört die Trauer jedoch an den Anfang.

Bei einem Schocktrauma ist der Verlust oft klarer. Wir wissen, was geschehen ist. Wir wissen, was danach nicht mehr da war.

Bei Entwicklungstrauma ist das anders. Hier geht es häufig nicht um einen einzelnen Verlust, sondern um das, was über lange Zeit gefehlt hat. Um ein zu lange zu wenig, das so selbstverständlich werden konnte, dass wir es irgendwann gar nicht mehr als Abwesenheit wahrnehmen.

Wir wissen vielleicht nicht einmal, was uns gefehlt hat, weil wir nie erfahren haben, wie es sich angefühlt hätte, wenn es da gewesen wäre.

Und genau das macht die Trauer in diesem Fall so schwer.

Denn wie betrauert man etwas, das man vielleicht nie hatte?


Ich habe im Buchschreibprozess etwas intuitiv richtig gemacht: die Trauer an den Anfang gestellt, mit dem Märchen vom Mädchen ohne Hände.

Und doch ist es im wahren Leben für Betroffene von Entwicklungs- oder frühen Bindungsverletzungen fast unmöglich, mit Trauer zu beginnen.

Wir müssen erst loslassen. Aufhören zu kämpfen. Daran „zu arbeiten“.

Wir dürfen herausfinden, wie das geht, um etwas zu trauern, von dem wir vielleicht unser ganzes Leben lang geglaubt haben, dass wir es irgendwann doch noch bekommen würden.

Die Trauer, das, was es dem Mädchen ohne Hände überhaupt erst ermöglicht, ihr Zuhause zu verlassen, um ihren eigenen Weg zu finden, bedeutet eigentlich, den unerfüllbaren Traum aufzugeben.

Den Traum, vielleicht doch noch die Liebe, die Fürsorge oder die Anerkennung unserer frühesten Bezugspersonen zu bekommen.

Den Traum, vielleicht doch noch dazuzugehören.

Bedingungslos.

Irgendwann.

Wenn wir vorher lange genug warten, aushalten, kompensieren und uns anpassen.

Wenn wir so werden, dass es sicher ist, zu bleiben.


Ich habe fast 30 Jahre gebraucht, um meine Trauer zuzulassen.

30 Jahre habe ich an meinem unerfüllbaren Traum festgehalten.

So lange, bis fast nichts mehr in mir lebendig war, außer dem Nachhall von eben diesem Traum.

Und offenbar war ich irgendwann erschöpft und ausgehöhlt genug, um der Trauer Platz zu machen.

Sie hat viel Platz gebraucht.

Manchmal fühlt es sich so an, als würde sie, wie Baba Yaga, jeden Platz in meinem Körper bewohnen.

Manchmal schläft sie friedlich zusammengerollt auf dem Ofen, wie eine Katze.

Aber sie ist immer da.

Heute.


Und wenn ich zurückschaue, war sie tatsächlich der Beginn meiner eigenen Genesung.

Denn sie hat mich gestoppt in all meinem Tun. Sie hat mich in die Gegenwart gezwungen und mir gezeigt, was mir gefehlt hat.

Trauer ist nicht nur ein großes Gefühl. Sie ist auch ein körperlicher Vorgang.

Das Nervensystem richtet sich um eine Abwesenheit herum aus und kann sich von dort aus neu orientieren. Von da aus kann Neues wachsen.

Und deshalb glaube ich, dass Traumagenesung, unabhängig davon, ob es sich um ein Schock- oder Entwicklungstrauma handelt, immer auch Trauerarbeit ist.

Unter allem, was an posttraumatischem Wachstum möglich ist, verläuft ein unterirdischer Fluss der Trauer.

Unsere Aufgabe ist nicht, ihn zum Versiegen zu bringen.

Vielleicht müssen wir lernen, an seinen Ufern zu leben.

Indem wir lernen, das zu betrauern, was niemals war. Das ist auf eine ganz eigene Art schwer. Besonders, wenn wir nicht wissen, was uns genau gefehlt hat. Wenn wir den Unterschied nicht kennen zwischen einer sicheren und einer unsicheren Bindung.

Oder klarer: Wenn wir eine unsichere Bindung für die einzige Liebe halten, die wir bekommen können.

Dann bleiben wir, oft zu lange, in einem Zu-Wenig.

Genesung beginnt mit dem Anerkennen unserer Verluste.

Mit dem Moment, in dem wir aufhören, auf etwas zu warten, das niemals kommen wird.

Und dann ist da Trauer.

Und irgendwo hinter der Trauer, ganz leise, beginnt etwas anderes.

Ein eigener Weg.

Ein kleines Stück Boden unter den Füßen.

Ein Wissen, das nicht von außen gekommen ist.

Das ist ein Anfang.


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