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Persephone – Über Mythen als Wegweiser

Ein persönlicher Essay über Persephone, weibliche Verwandlung, Unterwelterfahrungen und die Frage, warum alte Mythen uns auch heute noch Orientierung schenken können.

Zum ersten Mal verstanden, wirklich gefühlt, dass Mythen Wegweiser für die Seele sein können, habe ich, als ich mit über 30 Jahren Persephone noch einmal begegnet bin.

Ich weiß nicht mehr genau, weshalb ich ihre Geschichte erneut gelesen habe. Aber ich tat es. Und plötzlich konnte ich etwas sehen, das ich während meines Literaturstudiums nicht wahrgenommen hatte: Persephones Geschichte illustriert etwas, das ich selbst nie hatte — eine Mutter, die ihre Tochter sucht.

Als Persephone in die Unterwelt verschwindet, gerät die ganze Welt aus dem Gleichgewicht. Ihre Mutter Demeter, Göttin der Fruchtbarkeit und der Ernte, streift verzweifelt durch die Welt auf der Suche nach ihr. Sie weigert sich zu ruhen. Sie weigert sich, ihren Aufgaben nachzukommen, solange ihre Tochter fort ist. Die Erde wird kalt und kahl unter dem Gewicht ihrer Trauer. Nichts wächst mehr.


Persephones Geschichte berührte mich, weil sie meine Geschichte berührte.

Denn ich hatte mich lange Jahre gefühlt, als sei ich selbst in die Unterwelt entführt worden — durch den frühen Weggang meiner Mutter. Und es gab niemanden, der nach mir suchte. Noch nicht einmal ich selbst.

Die frühe Abwesenheit meiner Mutter machte mich nicht nur traurig, ohne eine Sprache dafür zu haben. Sie machte mich fremd. Isolierte mich. Als Kind spürte ich instinktiv, dass meine Geschichte nicht in die Welt um mich herum passte. Ich fühlte mich allein mit etwas, das kaum jemand verstand. Allein mit einer Erfahrung, die ich mit niemandem im Kindergarten oder später in der Schule teilte. Eine Mutter, die ihr Kind verlässt?

Natürlich fehlte mir nicht nur eine Mutter. Mir fehlte ein Spiegel. Eine Sprache. Ein Zugang zur Welt um mich herum.

Erst viele Jahre später fand ich ihn in den alten Geschichten.

Die Mythen gaben meiner Erfahrung etwas, das sie vorher nicht hatte: ein Zuhause.

Einen größeren Zusammenhang. Plötzlich war meine innere Unterwelt nicht mehr bloß persönliches Chaos, sondern Teil einer uralten menschlichen Erfahrung. Etwas, das andere vor mir bereits gekannt, beschrieben und weitergegeben hatten.

Und noch später begann ich zu verstehen, dass viele Frauen auf ihre eigene Weise unbemuttert durchs Leben gehen — selbst dann, wenn ihre Mütter körperlich anwesend waren.

Ich war garnicht so alleine, wie ich angenommen hatte.

Viele von uns wurden nicht begleitet durch die Übergänge eines Frauenlebens. Nicht vorbereitet auf Verlust, Wandel, Begehren, Schmerz, schöpferische Kraft oder zyklische Veränderung. Uns fehlten (und fehlen) ältere Frauen, die uns an die Hand nehmen und sagen: Du bist nicht falsch. Das gehört dazu. Du verwandelst dich.

Vielleicht sind wir alle auf gewisse Weise Persephone-Frauen, deren Mütter uns nicht gesucht haben.

Und vielleicht berühren uns Mythen und Märchen deshalb so tief, weil sie Erfahrungen enthalten, die älter sind als unsere persönlichen Biografien.

In den Jahren meines eigenen Heilungsweges habe ich — bildlich gesprochen — einige Granatapfelkerne gegessen. Jene Kerne, die in Persephones Geschichte dafür sorgen, dass sie nie ganz und für immer aus der Unterwelt zurückkehren kann.

Früher hätte ich das ausschließlich tragisch verstanden. Heute sehe ich darin auch etwas anderes.

Wer einmal wirklich in die Unterwelt hinabgestiegen ist, lernt dort Dinge, die an der Oberfläche oft verborgen bleiben. Man lernt die Sprache des Körpers. Die Sprache der Trauer. Die Sprache von Übergängen, Brüchen und Wiedergeburten.

Mit etwas Zeit für Integration kann eine besondere Fähigkeit wachsen:
zwischen den Welten zu wandern.

Diese Fähigkeit begleitet heute meine Arbeit mit Frauen. In meiner somatischen und mythopoetischen Arbeit fühle ich mich oft wie eine Begleiterin in jene inneren Unterwelten, die viele von uns meiden oder fürchten. Ich begleite Frauen an Schwellen — durch Krisen, Verluste und Wandlungsphasen ihres Lebens.


Die Unterwelt begegnet uns auf viele Arten.

Als Krankheit. Als Verlust eines geliebten Menschen. Als Ende einer Beziehung. Durch Burnout, Einsamkeit, Trauma oder den Zusammenbruch eines Lebensentwurfs.

Die wenigsten von uns würden solche Erfahrungen freiwillig wählen.

Und dennoch gehören sie zum Leben.

Manchmal führen auch freiwillig gewählte Wege in die Unterwelt: Mutterschaft, Ehe, die Entscheidung kinderfrei zu leben oder Künstlerin zu werden. Ungewöhnliche Lebensentwürfe.

Ich glaube, darin liegt eine der schwierigsten Wahrheiten des Menschseins: Dass bestimmte Erfahrungen uns unwiderruflich verändern. Nicht weil Leid automatisch weise macht. Sondern weil manche Dunkelheiten uns zwingen, jemand anderes zu werden.

Wir wählen die Unterwelt nicht immer. Aber wir können mitgestalten, wer wir in ihr werden.

Und manchmal wächst genau dort etwas, das an der Oberfläche nie hätte entstehen können.


Interessant ist, dass es ältere Versionen des Persephone-Mythos gibt, in denen sie nicht entführt wird, sondern freiwillig in die Unterwelt geht.

Das verändert die Geschichte vollkommen.

Aus Kore, dem jungen Mädchen, wird nicht ein Opfer, sondern eine Frau, die sich bewusst auf einen Weg des Erwachsenwerdens und der Verwandlung begibt. Die Unterwelt ist dann nicht bloß Ort des Schreckens, sondern ein Raum innerer Reifung. Eine Schwelle zwischen zwei Identitäten.

Ich finde diesen Gedanken besonders spannend, weil er einen Hinweis darauf geben könnte, wozu Mythen ursprünglich auch dienten: Vielleicht wurden sie jungen Frauen erzählt, um sie auf die Wandlungsprozesse eines Lebens vorzubereiten. Auf den symbolischen Tod des Mädchens. Auf die Zumutungen des Erwachsenwerdens. Auf die Begegnung mit Macht, Sexualität, Verlust und innerer Tiefe.

Heute scheint es mir oft, als müssten wir wirklich erst entführt werden, bevor wir bereit sind, uns dem notwendigen Wandel wirklich zuzuwenden.

Wer geht schon freiwillig in die Unterwelt?

Sogar gesellschaftlich gesehen bevorzugen wir häufig noch immer die Kore — das ewige Mädchen. Jugendlich, angepasst, unbeschwert, begehrenswert. Die erwachsene Frau hingegen, die durch die Dunkelheit gegangen ist und daraus Wissen gewonnen hat, wirkt oft unbequem. Zu viel. Zu tief. Zu unkontrollierbar.

Und so fehlen vielen von uns die Ressourcen, die Begleitung und die Rituale, um durch unsere Wandlungsphasen getragen zu werden.

Deshalb, so glaube ich, müssen wir heute selbst jene Frauen füreinander werden. Diejenigen werden, die uns einst gefehlt haben. Das jedenfalls, ist eine Motivation meiner Arbeit.

Auch Persephones Geschichte gibt dahingehend Hinweise. Demeter erfährt auf ihrer Suche Unterstützung durch andere Göttinnen —  Baubo und Hekate.

Baubo bringt Humor zurück in die Erstarrung von Demeters Trauer. Also, um es genau zu sagen, sie erzählt Demeter so lange unanständige Witze, bis diese einfach lachen muss und sich für die Möglichkeit, Hilfe anzunehmen öffnet.

Hekate, die Schwellenhüterin, verrät Demeter schließlich den Aufenthaltsort ihrer Tochter. Denn anders als Demeter selbst, kann sich Hekate frei zwischen der Ober- und der Unterwelt bewegen. Sie ist die Göttin der Magie, Wegkreuzungen und Übergänge.

Wir heilen nicht allein. Und ganz sicher finden wir schneller und unbeschadeter aus der Unterwelt zurück, wenn uns unterwegs anderen Frauen begegnen. Frauen, die den Weg kennen. Frauen, die bleiben.

Und Mythen, die uns daran erinnern, dass selbst der Weg in die Unterwelt nicht das Ende der Geschichte ist. Wir erzählen uns Mythen nicht allein deshalb weiter, weil sie alt sind. Sondern weil sie etwas in uns erinnern, das wir kulturell beinahe verloren haben.


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