Warum viele Frauen ihre eigene Stimme erst spät finden
Über Yoga, Fawning und die Rückkehr in den eigenen Körper
Als Adriene im letzten Video der „30 Days of Yoga“-Challenge ankündigt, dass diese Einheit traditionell ohne Ton – und damit ohne Anleitung – stattfindet, spüre ich sofort Widerstand. Nicht nur Irritation, sondern diesen alten, stillen Unwillen, den ich seit meiner Kindheit kenne. Dieses Gefühl von: Das ist eine Falle.
Denn immer, wenn früher jemand fragte: „Was denkst du?“, „Wie würdest du das lösen?“, „Was weißt du darüber?“, war die eigentliche Erfahrung oft eine andere. Wenige Minuten später erklärte mir irgendeine Autorität, weshalb das, was ich dachte, falsch war. Zu kompliziert. Unpraktisch. Nicht richtig. Das Gefragtwerden fühlte sich selten wie echte Einladung an. Eher wie die Vorstufe zur Korrektur.
Also lernte ich früh etwas anderes:
Nicht mir selbst zu vertrauen, sondern Wissen. Regeln. Orientierung von außen.
Ich wollte nicht herausfinden müssen, wer ich bin oder was ich brauche. Bereits mit sechs Jahren wollte ich, dass mir jemand sagt, wie man richtig ist. Wie man dazugehört. Innerhalb welcher Grenzen man sicher ist.
Wenn ich mir meine Kindheit genauer anschaue, ergibt das rückblickend vollkommen Sinn.
Wer früh erlebt, dass Bindung unsicher werden kann (oder gar ganz abreißen), entwickelt oft ein feines Gespür für andere Menschen. Für Stimmungen. Erwartungen. Spannungen. Das soziale Nervensystem wird hoch aufmerksam. Viele Frauen werden darin ausgesprochen gut: angenehm sein, mitdenken, Konflikte vermeiden, die richtigen Worte finden.
Was von außen oft wie besondere Empathie aussieht, ist innen nicht selten eine Überlebensstrategie.
Fawning nennt die Traumaforschung diese Form der Anpassung: ein Sich-Ausrichten an anderen, um Verbindung nicht zu verlieren. Nicht Kampf. Nicht Flucht. Sondern Beziehungssicherung durch Anpassung.
Für mich war die Entdeckung dieses Begriffs zutiefst entlastend. Denn plötzlich ergab so vieles Sinn:
die ständige Orientierung an Erwartungen,
das Bedürfnis, nicht schwierig zu sein,
die Angst, anzuecken,
dieses permanente innere Scannen danach, wie andere reagieren könnten.
Viele Frauen finden ihre eigene Stimme deshalb erst spät.
Nicht, weil sie keine hätten.
Sondern weil ihr Nervensystem zuerst lernen musste, wie Überleben funktioniert.
Und oft bedeutet das:
Zugehörigkeit wird wichtiger als Authentizität.
Bei mir zeigte sich das lange vor allem im Kopf. Mein schneller Verstand hat mir gute Dienste erwiesen. Mit einem Studium können andere etwas anfangen. Leistung schafft Zugehörigkeit. Unter dem Deckmantel der Geisteswissenschaften durfte ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich wirklich interessierten — und wenn nötig, konnte ich mich sogar so lange mit mittelalterlichen Heiligenlegenden befassen, bis selbst diese faszinierend wurden.
Psychologisch allerdings ist es nur begrenzt hilfreich, sein Leben so zu führen, als sei man ein Problem, das man wegqualifizieren kann.
Denn der eigentliche Bruch verlief nicht zwischen mir und der Welt.
Er verlief zwischen mir und meinem Körper.
Mein Kopf war sicher.
Mein Körper war es lange nicht.
Dort lebten all die Dinge, die ich nicht fühlen wollte:
Trauer.
Scham.
Angst.
Überforderung.
Verlassenwerden.
Ich wollte lange vor allem eines von meinem Körper:
dass er funktioniert.
Als Kind sollte er auf Bäume klettern können. Später schön sein. Schlank. Begehrenswert. Dann sollte er wollen, was Männer wollten. Noch später möglichst unsichtbar werden.
Vor allem aber sollte er mich nicht stören.

Als ich zum Yoga fand, ungefähr zu der Zeit, als ich mit Anfang 30 die Pille absetzte, war es deshalb natürlich erst einmal dynamisches Vinyasa-Yoga. Ich wollte gut darin sein. Fortschritte machen. Fortgeschrittene Klassen besuchen. Und ehrlich gesagt: Es war unglaublich entlastend, dass mir endlich mal jemand neunzig Minuten lang sagte, was ich tun sollte. Wann ich atmen sollte. Wie ich mich bewegen sollte. Wann Ruhe erlaubt war.
Selbst Körperarbeit wurde zunächst Teil meines Funktionierens.
Und trotzdem passierte dort etwas.
Nicht sofort.
Nicht als große Erleuchtung.
Eher langsam, beinahe unmerklich.
Bis zu diesem Mittag im Januar.
Mitten in der Bewegung kommen plötzlich die Tränen. Erst Scham. Natürlich. Wie klischeehaft, auf der Yogamatte zu weinen. Ich hatte solche Geschichten immer eher abschreckend gefunden.
Dann etwas anderes: Staunen.
Ich kann das. Ganz alleine. Das gehört mir.
Und in diesem Moment rastet etwas tief in mir an einen Platz ein, an den es immer schon gehört hat. Nicht in meinem Kopf. In meinem Körper.
Damals dachte ich noch, es ginge um die Yoga-Asanas. Um Freiheit durch Bewegung. Später verstand ich: Was mich so getroffen hatte, war etwas anderes.
Zum ersten Mal hatte ich mich selbst gespürt, ohne sofort nach Anleitung zu suchen.
Zum ersten Mal entstand Orientierung nicht über Korrektur von außen, sondern über Beziehung nach innen.
Vielleicht fühlte sich dieser Moment deshalb so überwältigend an. Weil dort für einen Augenblick niemand sagte, wie ich sein sollte. Kein Spiegel. Keine Anpassung. Keine Korrektur. Nur Bewegung. Atem. Körper. Ich.
Heute glaube ich, dass viele Frauen genau dort irgendwann landen:
an dem Punkt, an dem der Wunsch klar zutage tritt, dass die eigene Stimme nicht länger wie ein Konzept klingen möge, sondern wie etwas, das zu ihnen gehört.
Denn unsere innere Stimme ist keine reine Kopfstimme.
Sie zeigt sich körperlich:
als Enge oder Weite,
als Erstarren oder Bewegung,
als Ziehen,
als Widerstand,
als Aufatmen,
als plötzliches Wissen.
Fühlen ist eine Form von Wissen.
Wenn Trauma keine Worte hat
Vielleicht ist genau deshalb die Verbindung zwischen somatischer Arbeit, Märchen und Mythologie für mich irgendwann so selbstverständlich geworden.
Denn Trauma hat oft zunächst keine Worte.
Viele Erfahrungen existieren zuerst als Körperzustand. Als Alarm. Als Anpassung. Als Unsichtbarwerden. Deshalb reicht reines Verstehen oft nicht aus.
Der Körper versteht andere Sprachen:
Rhythmus.
Bilder.
Berührung.
Wiederholung.
Symbolik.
Bewegung.
Natur.
Märchen und Mythen arbeiten genau damit. Deshalb gehören sie genauso zu meiner Arbeit, wie die Somatik.
Sie erzählen selten direkt von Trauma. Stattdessen erzählen sie von Frauen, die verstummen. Von dunklen Wäldern. Von Winterschlaf. Von Ogern. Von verlorenen Häuten. Von Prüfungen, Abstieg und Rückkehr. Von Hexen. Trauernden Frauen. Frauen, die ihre Stimme zurückgewinnen.
Nicht als perfekte Idealbilder.
Eher als Erinnerungen daran, dass auch unsere dunkelsten Erfahrungen menschlich sind.
Diese Geschichten sprechen zu dem Teil von uns, der nicht unbedingt logische Sprache hat oder braucht.
Und manchmal helfen sie uns dabei, wieder hören zu können, was längst in uns spricht.
