Die Mutterwunde: Wie Bindung, Nervensystem und Selbstfürsorge zusammenhängen
Vor einigen Jahren, in einem ungewöhnlich heißen August, begann ich zu verstehen, wie tief unsere Fähigkeit zu empfangen tatsächlich reicht.
Damals gärtnerte ich noch auf einer kleinen gemeinschaftlichen Parzelle. Zwischen Tomatenpflanzen, Bohnenstangen und viel zu produktiven Zucchini lebte bereits der Herbst.
Nachts lag erste Kühle in der Luft und einige Blätter wurden schon gelb.
Es war Erntezeit.
Und ich hatte ein Problem damit.
Damals verstand ich überhaupt nicht, warum.
Schließlich wusste ich natürlich, dass Gemüse nicht ewig auf dem Beet bleiben kann. Salate schießen. Gurken werden bitter. Zucchini riesig und holzig.
Und trotzdem konnte ich die Früchte oft nicht mit nach Hause nehmen.
Ich konnte mich kümmern. Gießen. Pflegen. Lernen. Geben.
Aber nehmen?
Das war etwas anderes.
Damals wusste ich noch nicht, dass sich darin Bindungstrauma zeigte. Dass unser Nervensystem nicht nur beeinflusst, wie sicher wir uns in Beziehungen fühlen, sondern auch, wie sehr wir uns erlauben zu empfangen.
Unterstützung. Nahrung. Ruhe. Liebe. Fülle.
Viele Frauen kennen genau das.
Sie sorgen für andere.
Sie funktionieren.
Sie leisten.
Sie halten aus.
Aber sobald es darum geht, selbst etwas anzunehmen, wird es schwierig.
Nicht auf der Verstandesebene.
Sondern im Körper.
Denn die Fähigkeit, uns genährt zu fühlen, entsteht nicht erst im Erwachsenenalter. Sie beginnt ganz am Anfang unseres Lebens.
In Beziehung.
Im englischsprachigen Raum hat sich dafür in den letzten Jahren ein Begriff etabliert: Motherwound – die Mutterwunde.
Was ist die Mutterwunde?
Gemeint ist damit nicht, die eigene Mutter zu beschuldigen oder zu dämonisieren.
Die Mutterwunde beschreibt vielmehr emotionale und körperliche Prägungen, die aus frühen Bindungserfahrungen entstehen. Sie zeigt sich oft dort, wo Frauen Schwierigkeiten haben, sich sicher, genährt oder wirklich willkommen zu fühlen.
Es geht also um die früheste Beziehungs- und Bindungserfahrung unseres Lebens: die Beziehung zu der Person, die uns getragen, versorgt, gespiegelt und begleitet hat. Und für die meisten von uns ist das unsere Mutter.
Diese ersten Erfahrungen formen unser Nervensystem.
Sie beeinflussen, ob wir uns willkommen fühlen in der Welt.
Ob es sicher ist, Bedürfnisse zu haben.
Ob Nähe entspannend oder überwältigend wirkt.
Ob wir lernen konnten:
Ich darf empfangen.
Ich darf Raum einnehmen.
Ich bin gemeint.
Viele Frauen tragen hier Verletzungen in sich, selbst dann, wenn „eigentlich alles okay“ war.
Denn die Mutterwunde entsteht nicht nur durch offensichtliche Gewalt oder Vernachlässigung.
Manchmal entsteht sie durch emotionale Überforderung über Generationen hinweg.
Durch Mütter, die selbst nie gehalten wurden.
Durch Anpassung.
Durch das frühe Gefühl, funktionieren zu müssen.
Durch das unausgesprochene Lernen:
Liebe bekomme ich nur dann, wenn ich unkompliziert bin.
Und so lernen viele Frauen sehr früh, sich von den eigenen Bedürfnissen zu entfernen.
Nicht dramatisch. Sondern leise.
Fast unbemerkt.
Das gilt ausdrücklich auch für unsere Mütter: Viele unserer Mütter und frühen Bezugspersonen mussten selbst funktionieren, sich anpassen oder emotionale Härte entwickeln.
Deshalb ist die Mutterwunde oft nicht nur individuell, sondern generationell.
Die Mutterwunde zeigt sich im Alltag
Nicht jede Frau würde ihre Erfahrungen sofort als (intergenerationales) Trauma bezeichnen.
Und trotzdem zeigen sich frühe Bindungsverletzungen nahezu überall:
- in Beziehungen,
- im Beruf,
- in Erschöpfung,
- in Perfektionismus,
- in Schwierigkeiten mit Grenzen,
- im Gefühl, nie wirklich „anzukommen“,
- oder in der Unfähigkeit, sich selbst Fürsorge zu geben.
Viele Frauen können sich um andere kümmern, aber nicht um sich selbst.
Sie können geben, aber kaum empfangen.
Sie sehnen sich nach Ruhe und können sie gleichzeitig kaum aushalten.
Sie wünschen sich Unterstützung und fühlen sich schuldig, sobald sie sie bekommen.
Nicht, weil mit ihnen etwas falsch wäre.
Sondern weil ihr Nervensystem gelernt hat, dass Sicherheit an Leistung, Anpassung oder Wachsamkeit geknüpft ist.
Die Mutterwunde ist deshalb nicht nur eine psychologische Geschichte.
Sie ist verkörpert. Somatisch.
Sie lebt im Atem.
In Anspannung.
In innerer Unruhe.
Im ständigen wachsam sein.
Im Gefühl, nie ganz weich werden zu dürfen.
Und genau deshalb reicht reines Verstehen oft nicht aus.

Was mir damals half, in diesen heißen Augusttagen, waren übrigens Ringelblumen.
Jemand hatte sie zwischen die Gemüsebeete gepflanzt. Leuchtend gelb und orange standen sie dort, still und wie selbstverständlich.
Auch wenn ich nicht wirklich wusste, wozu Blumen in einem Gemüsebeet gut sein könnten.
(Ich war wirklich eine Anfängerin…)
Aber ein bisschen Schönheit hatte ja noch nie geschadet.
Als ich eines Tages beobachtete, wie andere Gärtnerinnen ihre Ringelblumen herausrissen, um Platz für Grünkohl zu schaffen, konnte ich es kaum glauben.
Die wunderschönen Blüten sollten einfach auf den Kompost.
Also nahm ich sie mit nach Hause.
Wie sich herausstellte, kann man eine ganze Menge mit essbaren Blüten anfangen.
Und, anders als über Zucchini im August, freuen andere Menschen sich ganzjährig über Ringelblumensalbe und -öl, Tee oder über eine bunte Blumenkräuterbutter.
Kurz gesagt: Ringelblumen waren der Beginn meiner Liebe zu Kräutern und essbaren Blumen. Ich habe sie nicht nur geerntet, ich habe ihnen ein zweites Leben geschenkt.
Das war der Beginn einer Beziehung.
Geben und nehmen.
Nehmen und geben.
Ein Kreislauf.
Ganz einfach eigentlich.
Wie atmen.
Etwas wächst.
Wir nehmen es an.
Und indem wir es annehmen, wird Beziehung lebendig.
Das war das Ende meiner Erntezurückhaltung.
Für viele Frauen beginnt Heilung genau dort.
Nicht in Selbstoptimierung.
Nicht darin, sich endlich „richtig“ zu reparieren. Sondern in kleinen, verkörperten Erfahrungen von Sicherheit.
Im langsamen Lernen:
Ich darf da sein.
Ich darf Bedürfnisse haben.
Ich darf gehalten werden.
Ich darf empfangen, ohne etwas leisten zu müssen.
Warum Natur und Körperarbeit dabei so wichtig sind
In meiner Arbeit begleite ich Frauen trauma-sensibel, somatisch und naturverbunden.
Denn frühe Bindungsverletzungen entstehen nicht nur im Denken — sie entstehen im Körper und in Beziehung.
Deshalb kann Heilung auch nicht ausschließlich kognitiv stattfinden.
Unser Nervensystem braucht neue Erfahrungen.
Langsame Erfahrungen.
Sichere Erfahrungen.
Verkörperte Erfahrungen.
Die Natur kann dabei eine erstaunlich regulierende Rolle spielen.
Samen brauchen Zeit.
Heilkräuter wachsen zyklisch.
Und manche Pflanzen blühen sogar umso mehr, je häufiger wir ernten. Wie zum Beispiel meine geliebten Ringelblumen.
Kleine Anfänge
Gerade säe ich wieder Heilkräuter und essbare Blumen aus.
Viele kleine Samen. Viele kleine Möglichkeiten. Viele kleine Anfänge.
Meiner Erfahrung nach beginnt Heilung oft genauso.
Nicht mit einem großen Durchbruch. Nicht mit dem Erreichen einer Ziellinie.
Sondern mit einem ersten Moment von Weichheit im Körper.
Mit einem Atemzug.
Mit einer Grenze.
Mit einer Pause.
Mit einer Frau, die zum ersten Mal spürt, dass sie nicht nur geben muss.
Unsere Mütter sind unser Anfang.
Deshalb sitzt die Mutterwunde oft so tief.
Doch genau da liegt auch die Möglichkeit einer neuen Beziehung zu uns selbst:
indem wir beginnen können, uns selbst Schritt für Schritt selbst das zu geben, was einmal gefehlt hat.
Und inzwischen weiß ich eins ganz sicher:
Wir alle tragen nicht nur unsere Wunden, sondern auch die Fähigkeit zu Verbundenheit tiefer in uns, als wir glauben.
Wie Samen, die lange unter der Erde gewartet haben.
