Den eigenen Boden nähren – Was ich im Garten über Heilung gelernt habe
Vieles von dem, was ich über Trauma, Fürsorge und Regeneration gelernt habe, begann nicht etwa in einem Therapieraum oder während meiner Studien, sondern auf einem kleinen Stück Acker.
V (vormals Eve Ensler) hat einmal gesagt, man könne von unserer jeweiligen Beziehung zur Natur auf die Beziehung zu unserer Mutter schließen.
Ich weiß nicht, wie es für dich ist.
Für mich war es lange Zeit wahr.
Obwohl ich die Natur immer geliebt habe, wusste ich nicht, dass ich ein Teil von ihr bin. Nicht wirklich und bewusst.
In meiner Kindheit fehlte meine Mutter. Und so wusste ich als junge Frau und auch später nicht, wie ich für mich selbst hätte sorgen können. Streng genommen wusste ich lange Jahre noch nicht einmal, dass ich nicht gut für mich sorgte.
Eigentlich hatte ich noch nicht mal davon gehört, dass es so etwas wie Selbstfürsorge überhaupt gibt. So als Konzept. Sonst wäre mir vielleicht die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung erspart geblieben.
Trotzdem wusste ich im März 2020 ganz sicher: Ich will Gemüse anbauen.
Mit einer kleinen Hacke in der linken und einer dieser grünen Gießkannen in der rechten Hand stand ich da; eigentlich hatte ich von nichts eine Ahnung.
Zwar hatte ich, wie üblich, alles gelesen, was es zu lesen gab. Hatte mir YouTube-Videos angesehen.
Mir Notizen gemacht.
Dennoch stand ich jetzt, Ende Mai, ohne Plan vor diesem Stück Acker, das ich begeistert und unbedingt hatte mieten wollten. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht?
Nun, ich hatte überhaupt nichts gedacht. Da war nur dieser Funke in meinem Bauch gewesen, nachdem ich gehört hatte, es gäbe ein paar Quadratmeter Acker zu mieten.
Nicht weit weg. Mit dem Rad 15 Minuten. Zugehörig zu einem Biobauernhof.
Am nächsten Morgen war der Funke immer noch da. Ich war mir sicher: Das muss ich machen.
Und so mietete ich 40 Quadratmeter fruchtbaren Boden.
Anfängerfreundlicherweise waren einige Reihen bereits von den Organisator:innen dieses Bio-Selbsternte-Projektes vorbepflanzt.
Große Demut überkam mich angesichts der kleinen drei- bis vierblättrigen Pflänzchen, von denen ich noch nicht einmal hätte sagen können, was sie einmal werden würden.
Den Anbauplan hatte ich natürlich nicht ausgedruckt – also meine Fähigkeiten als Gemüsekennerin deutlich überschätzt, wie mir sofort klar wurde.

Drei Mal hacken ist besser, als ein Mal gießen, schoss es mir in den Kopf. Das war alles, was von meiner Lektüre übrig geblieben war.
Hacken also. Die Pflänzchen waren im Vergleich zu meiner dreizackigen Hacke verdammt klein.
Trotzdem hockte ich mich hin und begann vorsichtig, den Boden aufzulockern. 40 Quadratmeter entpuppen sich als geradezu großgrundbesitzerähnliches Gelände, wenn man auf allen Vieren über einen Gemüseacker kriecht. Fast unmittelbar hatte ich Blasen an den Händen. Aber immerhin hatte ich jetzt etwas zu tun.
Und nachdem alles gehackt und vorsichtig von mir gewässert worden war, fühlte ich mich diesem Stückchen Land gleich etwas näher.
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, bin ich sehr froh darüber, dass ich den Funken in meinem Bauch nicht einfach ignoriert habe. Auch wenn der Gemüseacker, der inzwischen in meine Garten entstanden ist, viel Arbeit und manchmal auch Frustrationstoleranz erfordert. Die Gärtner:innen unter euch werden wissen, wovon ich rede…
Dieses (inzwischen 65 qm große) Stück Boden hat mir viel beigebracht über Fürsorge und Hingabe. Über den Leben-Tod-Leben-Zyklus der Jahreszeiten.
Aber auch über meine eigenen Zyklen, von Kreativität und Regeneration.
Von Fruchtbarkeit und Loslassen.
Von Inspiration und dem Durchhaltevermögen, das wir brauchen, um unsere Ideen wachsen und blühen zu sehen.
Natürlich hatte ich angenommen, das hauptsächlich solche Dinge wie samenfestes Saatgut und regelmäßiges Wässern wichtig seien.
Mischkulturen beachten.
Beetpläne anlegen.
Vielleicht noch Kartoffelkäfer absammeln und Schnecken verjagen.
Und dann: Möglichst erkennen, wann etwas wirklich reif ist.
Einkochen lernen…
Aber ich sollte schnell lernen: Das Wichtigste ist der Boden.
Ist er zu sauer, wächst nichts.
Ist er zu fest, kann kein Wasser aufgenommen werden.
Bleibt er unbedeckt, verdunstet das Wasser zu schnell.
Ist es zu windig, wird Erde abgetragen.
Und was sich erst unter der Oberfläche abspielt!
Über ein Konzept, das ich heute auch im Garten anwende, war ich bereits in meiner Studienzeit gestolpert: das Mulchen. Eine Methode aus der Permakultur.
Ich las das hier in einem Buch von Tom Hodgkinson:
“Im Gartenbau kommt die Methode des Mulchens, bei der der Boden mit nährstoffreicher organischer Materie bedeckt wird, anstatt ihn jedes Jahr mühsam umzugraben, immer mehr in Mode. Dies ist der natürliche, arbeitsarme Weg. Er ermöglicht es der Natur, ihre Arbeit mit minimalem Eingriff des Menschen zu verrichten. Genauso ist es mit deinem Geist: Mulche ihn mit hochwertigen Zutaten – Bücher, Nahrung und Schönheit – und er wird fruchtbar werden und nützliche sowie schöne Dinge hervorbringen. Das Mulchen des Geistes erfordert zudem weit weniger Aufwand als das ständige Umgraben. Tatsächlich kann das Umgraben schädlich sein, da es Unkrautsamen an die Oberfläche bringt, die sonst inaktiv geblieben wären. Diese Samen keimen dann und sorgen für eine neue Welle unnötiger Arbeit.“
Schon damals, beim ersten Lesen, fand ich die Idee faszinierend.
Allerdings mulchte ich mit Mitte 20 hauptsächlich meinen Verstand.
Mit jeder Menge Fachliteratur im Studium.
Mit Recherche, später im Job.
Mit Theaterbesuchen – immerhin live, dennoch für den Job.
Noch etwas später mit pädagogischen Konzepten und noch mehr Fachliteratur; diesmal garniert mit Gesetzestexten.
Mir fehlte buchstäblich jeder Boden, den ich hätte mulchen können. Ich war eine Kopffüsslerin, die Entscheidungen gerne herbeidachte, über Gefühle hinweganalysierte und alles klug begründen konnte.
So lange, bis mein eigener Boden irgendwann sauer war.
Mein Körper streikte. Nichts wuchs mehr.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich nun endlich und ernsthaft mit dem zu befassen, was ich mit meinem schnellen Verstand, meiner rastlosen Suche und all dem währenddessen angehäuften Wissen nicht aufgelöst bekommen hatte.
Meine Mutter würde nicht zurückkommen und mir eine liebevolle Mutter sein, egal was für Abschlüsse ich machen würde.
Und meine Abschlüsse würden mir nichts nützen, wenn irgendwann nichts mehr von mir übrig wäre.
Ich musste nicht besser werden. Ich musste trauern.
Ich musste für mich die Erkenntnis zulassen, dass sie gegangen ist, weil sie gehen wollte.
Und dass es nichts gab, gibt oder geben wird, was ich daran hätte ändern können.
Ich musste wütend werden.
Für mein fünfjähriges Ich. Und für mein 37-jähriges Ich.
Ich musste endlich meine eigene Perspektive einnehmen.
Also fing ich an, meine Geschichte aufzuschreiben.
Ich fing an, mich selbst zu sehen.
Ich fing an, mich zu erinnern.
An mich als Kind. Als Jugendliche. Als verzweifelte junge Frau.
Ich fühlte meinen ganzen verdammten riesigen Schmerz.
Darunter: Erinnerungen an alles, was ich geliebt habe.
Mythen und Märchen.
Mich bewegen.
Tanzen.
Malen.
Schreiben.
Im Wald sein.
Und ich beschloss, dass ich nie wieder etwas, das ich liebe wegsperren werde, nur, weil es mir genommen werden kann.
Weder werde ich es in mir selbst verschließen, noch außerhalb von mir irgendwohin verbannen.
Und ja, auch in diesem Jahr werden nicht nur meine Samen aufgehen, sondern auch jede Menge Schnecken schlüpfen.
Es wird hageln.
Es wird zu viel zu schnell regnen.
Vermutlich wird es wieder viel zu trocken werden im Sommer.
Doch ich habe meinen Frieden damit gemacht.
Ich sorge für meine Pflänzchen, damit sie kräftig genug sind, um die eine oder andere Schnecke wegstecken zu können.
Wir müssen nicht erst alles “Unkraut” in unseren Leben entfernen, bevor wir glücklich sein dürfen.
Wir können uns entscheiden, stattdessen unseren Boden zu mulchen.
Und so unserem Leben Gutes, Schönes, Nahrhaftes hinzufügen.

Vielleicht ist genau das der wichtigste Teil dessen, was ich im Garten gelernt habe:
Heilung geschieht nicht durch Druck.
Sondern durch Bedingungen.
Durch einen Boden, der genährt wird.
Durch Pausen.
Durch Beziehung – zu uns selbst, zu unserem Körper und zur lebendigen Welt um uns herum.
Wir müssen nicht repariert werden.
Wir müssen nicht härter arbeiten oder noch mehr verstehen.
Manchmal brauchen wir vor allem einen Boden, der uns trägt.
Einen Raum, in dem wir fühlen dürfen.
In dem unser Körper wieder lernen kann, was Sicherheit, Rhythmus und Lebendigkeit bedeuten.
In meiner Arbeit begleite ich Frauen dabei, ihren eigenen Boden wiederzufinden:
im Körper, in der eigenen Geschichte und im Kontakt mit der Natur.
Nicht, um etwas zu erzwingen.
Sondern um die Umstände zu schaffen, in denen Regeneration geschehen darf.
