Eva. Oder: Wenn Geschichten uns einfrieren — und wie wir sie auftauen
Es gibt Geschichten, die wir unmittelbar als wahr empfinden.
Geschichten, die etwas in uns weit werden lassen. Die uns ermutigen, die uns verstehen, die uns hoffen lassen.
Geschichten, von denen wir intuitiv spüren: Das hat etwas mit mir zu tun. Mit dem was mir wichtig ist, mit dem, was mich beschäftigt. Mit meinen Fragen, meinen Herausforderungen.
Evas Geschichte ist keine dieser Geschichten.
Und doch hat diese Geschichte, unsere Schöpfungsgeschichte, bis heute Auswirkungen darauf, welchen Platz Frauen in unserer Gesellschaft einnehmen.
Darauf, wie Frauen gesehen werden —
und darauf, wie wir Frauen uns selbst sehen.
Selbst dann, wenn du keiner christlichen Glaubensgemeinschaft angehörst: Vermutlich kennst du die Geschichte der Erschaffung der Welt zumindest in ihren Grundzügen.
Den Garten Eden.
Adam, aus Lehm erschaffen.
Eva, aus einer Rippe geformt.
Den Baum der Erkenntnis mit den verbotenen Früchten.
Die Schlange, die ein bisschen zu viel plaudert und damit Evas Neugier weckt.
Ob bewusst oder unbewusst: Diese Schöpfungsgeschichte prägt bis heute unsere Kultur.
Frauen und weiblich gelesene Menschen schämen sich bis in unsere Zeit hinein für ihren Wissensdurst, ihren Appetit, ihren Wunsch nach Selbstbestimmung.
„Die Geschichte Evas im Buch Genesis bildet die Grundlage für zahllose Maßnahmen, die das Handeln, die Rechte und den Status von Frauen eingeschränkt haben. Unabhängig davon, was Frauen in der Welt auch erreichen mögen, lautet die grundlegende Botschaft der heiligen Texte der größten religiösen Gemeinschaft der Welt – Texte, die seit 2.000 Jahren die tragenden Glaubensvorstellungen unserer westlichen Kultur liefern – dass Männer Frauen nicht trauen sollten und dass Frauen weder sich selbst noch einander vertrauen sollten.“
Sharon Blackie (If Women Rose Rooted)
Die Schöpfungsgeschichte, Evas Geschichte, wird meist mit genau einer Art, sie zu verstehen, weitergegeben.
Nicht nur kennen wir ihre Verfasser und deren Absicht — auch die Moral scheint praktischerweise gleich mitgeliefert worden zu sein.
Diese Moral schreibt Frauen bis heute gewisse Eigenschaften zu:
Destruktivität.
Unzuverlässigkeit.
Gier.
Unvernunft.
Manipulationsgabe.
Ungehorsam.
Naivität.
Diesem Anfang wohnt bemerkenswert wenig Lebensfreude, Verbindendes und Entwicklungspotenzial inne.
Das Wesen von wahren Mythen hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass niemand sie besitzt.
Niemand hält die Rechte oder Lizenzen. Niemand liefert allgemein gültige Interpretationen gleich mit.
Mythen und Märchen gehören sich selbst — und allen, die sie hören, weitertragen, wieder und wieder erzählen.
Sie entstehen aus der Beziehung zwischen den Menschen und allem, was sie umgibt.
In diesen Geschichten war im Anfang nicht das Wort.
Im Anfang war das Land.
Die Erde.
Die Natur.
Wie zum Beispiel in den vielen Schöpfungsgeschichten indigener Völker, in denen nicht Schuld am Anfang steht — sondern Fürsorge.
Nicht Strafe — sondern Beziehung.

von: Mark Rawlinson
Ich frage mich, wie es ist, mit Göttinnen und Göttern aufzuwachsen. Mit Tieren als Verbündeten. Und Bäumen als Wächtern.
Deshalb habe ich die griechische Mythologie als Kind und Jugendliche immer geliebt.
Vielleicht einfach deshalb, weil diese Unsterblichen so menschlich waren.
Lachende Götter.
Liebende Göttinnen.
Nicht alle Körper perfekt.
Nicht jedes Geschlecht eindeutig.
Nicht jeder Plan geht auf.
Jede Menge Ärger und Abenteuer.
Und auch wenn diese Geschichten manchmal einem nicht enden wollenden Familientreffen gleichen, zu dem auch die unangenehmsten Onkel und Tanten eingeladen wurden, finden wir in ihnen eine große Zahl von Erzählungen, die sich durch Weisheit, Wandlungsfähigkeit und Mut zur Uneindeutigkeit auszeichnen.
Die auch die großen Gefühle und Lebensthemen, wie Trauer und Verlust, Regeneration und Erneuerung, Jugend und Altern, nicht in ein Ab- oder Jenseits verschieben.
Mythen und Märchen leben immer im Jetzt. Es gibt fast immer mehrere Versionen von ihnen. Sie sind lebendig – nicht starr, unveränderlich und ein für alle Mal gesetzt.
Und wir tun gut daran, uns und sie nicht festzuschreiben.

Evas Geschichte hingegen ist kein lebendiger Mythos.
Sie wurde in der Zeit eingefroren.
Dabei ist der hebräische Name „Eva“ (חַוָּה – Chawwa) eng mit dem Wort für „Leben“ (chaj) verwandt.
Und doch ging Eva in unser kulturelles Gedächtnis nicht ein als Mutter aller Lebendigen —
sondern als die Frau, die es für uns alle mit einem einzigen Biss für immer vermasselt hat.
Ihre Geschichte ist ein Gefängnis. So lange, bis wir uns daran erinnern, dass Geschichten sich bewegen dürfen.
Geschichten leben nicht nur in Büchern. Oder auf Netflix.
Sie leben in unseren Körpern.
In der Art, wie wir den Atem anhalten, wenn wir etwas wagen wollen.
In der Spannung in unserem Bauch, wenn wir uns zeigen.
In der Müdigkeit, die uns überkommt, wenn wir beginnen, uns selbst ernst zu nehmen.
Manche Geschichten wurden uns erzählt.
Andere haben wir selbst erlebt.
Und wieder andere haben wir nie in Worte gefasst —
aber unser Nervensystem erinnert sich trotzdem an sie.
Es speichert nicht nur das Ereignis selbst.
Sondern auch das Gefühl dabei.
Wie gefährlich hat sich das angefühlt?
War ich allein oder begleitet?
Gab es eine Möglichkeit zu handeln — oder nicht?
Nach einem Trauma, einer langen Phase von Stress oder wiederholter Überforderung kann es geschehen, dass eine Geschichte sich tief in uns festsetzt.
Nicht als bewusste Erinnerung.
Sondern als Muster.
Als eine bestimmte Art zu reagieren.
Zu denken.
Zu fühlen.
Zu erwarten.
Und mit der Zeit geschieht etwas sehr Menschliches — und gleichzeitig sehr Trauriges:
Wir vergessen, wie wir ohne dieses Muster wären.
Wir halten unsere Reaktionen für unsere Persönlichkeit.
Unsere Vorsicht für Vernunft.
Unsere Anspannung für Stärke.
Unser Schweigen für Anpassungsfähigkeit.
Dabei sind es oft alte Schutzgeschichten, die in uns weiterleben.
Unser Nervensystem ist dabei kein Gegner.
Es ist kein Ort von Defiziten oder Fehlern.
Es ist ein Erinnerungssystem.
Ein Geschichtenspeicher.
Einer, der uns immer wieder genau dorthin führt, wo etwas noch nicht zu Ende erzählt werden konnte.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Mythen und Märchen uns bis heute berühren.
Nicht, weil sie uns sagen, wie wir sein sollen.
Sondern weil sie uns erinnern.
An Möglichkeiten.
An Wandlung.
An Wege aus scheinbar ausweglosen Situationen. An Magie…
In vielen Märchen gibt es Figuren, die sich verirren.
Die verzaubert werden.
Die erstarren oder sich verstecken müssen.
Und irgendwann geschieht etwas, das Bewegung zurückbringt:
Eine Begegnung.
Ein Verbündeter.
Ein neuer Blick.
Du bist mehr als diese eine Geschichte.
Genau das geschieht auch in der Arbeit mit dem Körper und dem Nervensystem.
Wir erzählen nicht einfach eine neue Geschichte.
Wir helfen dem Körper, sich an eine andere Möglichkeit zu erinnern.

Oft kommen Frauen zu mir in einem Zustand tiefer Erschöpfung.
Nicht, weil sie schwach sind.
Sondern weil ihr Nervensystem über lange Zeit sehr viel getragen hat.
Belastung.
Verantwortung.
Anpassung.
Vielleicht auch Erfahrungen, die zu groß waren, um sie allein zu halten.
In solchen Momenten geht es nicht darum, sofort etwas zu verändern.
Sondern erst einmal darum, anzukommen.
Raum zu schaffen.
Luft zu holen.
Zu spüren, was jetzt — in diesem Moment — ein kleines bisschen guttun könnte.
Viele Frauen und weiblich gelesene Menschen haben über Jahre gelernt, zu funktionieren.
Weiterzumachen.
Stark zu sein.
Und irgendwann wissen sie gar nicht mehr, wie sich ein Leben ohne diese Anspannung anfühlt.
Nicht, weil es unmöglich wäre —
sondern weil ihr Körper sich so sehr an diese Geschichte gewöhnt hat.

Deshalb beginnt meine Arbeit nicht mit der Frage:
Was stimmt nicht mit dir?
Sondern mit der Frage:
Was trägt dich noch?
Was gibt dir Halt — selbst in schwierigen Zeiten?
Wir suchen nach Ressourcen.
Nach kleinen Inseln von Sicherheit.
Nach Momenten, in denen dein Körper sich ein wenig freier anfühlt.
Vielleicht ist es ein Atemzug, der tiefer wird.
Eine Bewegung, die sich leichter anfühlt.
Ein Bild, das auftaucht.
Eine Erinnerung, die Kraft gibt.
Von dort aus beginnen wir zu hinzuhören.
Nicht mit dem Kopf allein —
sondern mit dem ganzen Körper.
Was zeigt sich?
Was möchte sich bewegen?
Was ist bereit, sich zu lösen?
Der Körper führt.
Nicht ich.
Nicht eine Methode.
Nicht eine festgelegte Reihenfolge.
Sondern dein Nervensystem —
in seinem eigenen Tempo.
Manchmal zeigen sich in dieser Arbeit Bilder oder Geschichten.
Ein Märchen, das dich schon als Kind berührt hat.
Eine Figur, mit der du dich verbunden fühlst.
Ein Bild von Wandlung, Mut oder Rückkehr.
Diese Geschichten wirken oft wie leise Erinnerungen an Möglichkeiten, die in uns angelegt sind — selbst dann, wenn wir sie lange nicht gespürt haben.
Vielleicht ist das ihre eigentliche Kraft:
Dass sie uns nicht erklären, wer wir sind.
Sondern uns daran erinnern,
wer wir auch sein könnten.
„Eine Frau wird ihren Garten nicht verlassen, bevor sie nicht ein tiefes Wissen in sich trägt – gepflanzt an der Basis ihrer Wirbelsäule – dass sie etwas Besseres verdient.“
Danielle Dulski
Vielleicht hast du beim Lesen an der einen oder anderen Stelle innegehalten.
Vielleicht hast du gespürt, dass es in dir Geschichten gibt, die sich fest anfühlen —
wie eingefroren.
Und andere, die darauf warten, neu erzählt zu werden.
Geschichten zu lösen bedeutet nicht, sie zu vergessen.
Es bedeutet, ihnen wieder Bewegung zu erlauben.
Dem Körper Zeit zu geben, das nachzuholen, was damals vielleicht nicht möglich war:
innehalten
spüren
reagieren
sich orientieren
Unterstützung erfahren
So wie in vielen Märchen nicht die stärkste Figur gewinnt —
sondern diejenige, die Verbündete findet, Pausen einlegt und Hinweisen nachgeht —
so geschieht auch Wandlung im echten Leben selten allein.
Wenn du beim Lesen gespürt hast, dass dich diese Themen berühren —
dass es in dir Muster oder Geschichten gibt, die sich schwer oder fest anfühlen —
dann bist du damit nicht allein.
Und du musst nicht allein einen Weg hindurch finden.
In meiner Arbeit begleite ich Frauen dabei, wieder Zugang zu ihrem Körper zu finden —
zu ihren Ressourcen, ihrem eigenen inneren Wissen und zu den Geschichten, die in ihnen leben.
Wir beginnen langsam.
Mit einem Gespräch.
Mit Raum für das, was gerade da ist.
Ohne Druck.
Ohne Erwartungen.
In deinem Tempo.
Wenn du neugierig geworden bist und herausfinden möchtest, ob sich dieser Weg für dich eignen könnte, lade ich dich herzlich zu einem kostenfreien Erstgespräch ein. Du kannst hier deinen Termin buchen.
